Jürgen Bürgin Photography

BERLINALE GENERATION KPLUS: About LAST DAYS AT SEA

just some urban photographs

BERLINALE GENERATION KPLUS: About LAST DAYS AT SEA

Berlinale Generation Kplus: About Venice Atienza’s documentary Last Days at Sea

Immer wieder hört der Zuschauer das Meer rauschen. Wie in einer Meditation sorgt Venice Atienza’s Dokumentarfilm dafür, dass sich die jungen und erwachsenen Zuschauer der Berlinale-Vorführung im Freiluftkino in der Hasenheide in die Ferne denken können. Der neuen „Neben“-Leinwand in der Hasenheide, die auch tagsüber uns bei Sonnenschein bespielt werden kann, ist es nämlich zu verdanken, dass die Kindersektion der Berlinale überhaupt stattfinden konnte. Das war übrigens überhaupt die allererste Möglichkeit, dass Kinder wie unser Sohn, seit November 2020 wieder einmal ins Kino konnten. Späte Freiluftkinoveranstaltungen in der Nacht hätte er allenfalls schlafend erlebt.

„Wenn die Krabben groß sind, verlassen sie ihre Muschelschalen. Und dann kommt eine kleine Krabbe und macht sie zu ihrem Zuhause“, erzählt die Filmemacherin ihrem jungen, 12-jährigen Protagonisten Reyboy. Reyboys Heimat ist das winzige Dorf Karihatag auf den Philippinen, auf der Insel Mindanao, weit entfernt von der Hauptstadt Manila. In seinem Dorf gibt es nur eine Grundschule. Sein Vater ist Fischer, und sicher könnte Reyboy in seine Fußstapfen treten. Aber der Beruf des Fischers ist hart geworden, seit die großen Fischtrawler vor der Küste die Gewässer überfischt haben, und die Fänge der einheimischen Fischer minimiert haben. Immer häufiger kehren sie ohne Thunfische zurück. Einmal zeigt einer der Fischer seinen Tagesfang: zwei winzige Fische.

Reyboy liebt es zu schwimmen und zu tauchen und er interessiert sich für die Natur und die Meerestiere. Auch wenn er gar keine Ahnung von der Größe und der Vielfalt der Welt hat, auch wenn er sich gar nicht vorstellen kann, dass es auf dieser Erde Menschen gibt, die Karihatag gar nicht kennen, hat er Träume: „Can birds reach the clouds? Oh they can? I want that. To be able to play over there. That’s what I want. To be a bird.“ Und weil seine Eltern erkennen, dass es die einzige Möglichkeit für Reyboy, der harten, fruchtlosen, ärmlichen und gefährlichen Arbeit eines Fischers in Karihatag zu entkommen, die ist, in die ferne Stadt zu gehen, um dort auf die weiterführende Schule zu gehen, haben sie das für ihren Sohn entschieden. Reyboy weiß aber, dass er dann weit entfernt von seinen Eltern leben wird, und er weiß, dass er seine Eltern, wenn’s hochkommt, einmal im Monat sehen kann.

Die Filmemacherin begleitet Reyboy an seinen letzten Tagen im Dorf, an den letzten Tagen seiner Kindheit, an seinem Lieblingsort, dem Meer. Und sie erzählt ihm schon ein bisschen von der großen Welt, der er bald begegnen wird, und sie erfährt von seinen Träumen, seinen Gedanken, seinen Wünschen an diesem möglicherweise bedeutenden Wendepunkt in seinem Leben. Daraus entsteht ein poetischer, Dialog aus zwei unterschiedlichen Perspektiven, die des 10-jährigen Dorfjungen einerseits und die der erwachsenen Filmemacherin andererseits.

Venice Atienza ist ein wundervoll berührender Dokumentarfilm gelungen, der es schafft, eine wunderbare Ruhe auf das Publikum auszustrahlen, und dem es auch gelingt, einem jungen Publikum einen Einblick in die Welt eines Kindes in einem fernen Land zu vermitteln, und zwar weit entfernt von jeglichem Sozialpathos. Natürlich lebt Reyboy in einer ärmlichen Welt, aber dennoch ist er ein Kind, das das Leben in seiner Heimat genießt, das die Natur liebt, und das Träume hat.

„This genuine curiosity in wanting to know a person who is different from you is very important. Because I feel this is the only way we can learn to care for one another, when we really open ourselves for them”, erklärt die Regisseurin. Ich denke, Kindern diese Neugierde zu vermitteln, ist eine der wertvollsten Kompetenzen, die Eltern ihren Kindern mitgeben können. Und das kann in einer Familie in einem ärmlichen Dorf auf Mindanao ebenso gelingen, wie in einer Familie wie der unsrigen in Berlin-Neukölln oder überall auf der Welt. Und vielleicht hat Venice Atienzas Film auch bei unserem Sohn den Blick ein kleines bisschen dafür geöffnet, wie Kinder in ganz anderen Regionen dieser Erde leben, und dass für den zehnjährigen Reyboy aus Karihatag auch ganz andere Dinge bedeutsam sind, als für den sechsjährigen Julius aus Berlin-Neukölln – und dass sie möglicherweise dennoch beide Kinder mit irgendwie ähnlichen Träumen und Bedürfnissen sind.

Die philippinische Dokumentarfilmerin Venice Atienza wurde 1989 geboren. Sie lebt teils in Manila, teils in Mumbai. In ihrer Arbeit interessiert sie sich besonders die Frage, auf welche Weise das alltägliche Handeln Veränderungen im Leben herbeizuführen vermag. Sie ist Alumna des europäischen DocNomads-Programms und gründete gemeinsam mit der taiwanesischen Regisseurin und Produzentin Fan Wu die Produktionsfirma Svemirko Film Productions, die dem dokumentarischen Autorenfilm eine Plattform bieten will. Last Days at Sea ist ihr Langfilmdebüt.

LAST DAYS AT SE
von Venice Atienza
mit John Russel Rey „Reyboy“ Paño, Cresente „Buboy“ Betonio, Cleofe „Neneng“ Betonio, Florecita „Babe“ Paño, Emibie Paño
Philippinen / Taiwan 2021
Tagalog,  Cebuano,  Untertitel: Englisch
71’

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Berlinale Generation Kplus: About Venice Atienza’s documentary Last Days at Sea

Again and again the viewer hears the sound of the sea. Like in a meditation, Venice Atienza’s documentary ensures that the young and adult viewers of the Berlinale screening in the open-air cinema in the Hasenheide can dream themselves into the distance. It is thanks to the new “side” screen in the Hasenheide, which can also be used during the day when the sun is shining, that the children’s section of the Berlinale was able to take place at all. Incidentally, that was the very first chance that children like our son could go to the cinema again since November 2020.

“When the crabs are big, they leave their clamshells. And then a little crab comes along and makes it her home, ” the filmmaker tells her young, 12-year-old protagonist Reyboy. Reyboy’s home is the tiny village of Karihatag in the Philippines, on the island of Mindanao, far from the capital Manila. There is only one elementary school in his village. His father is a fisherman and Reyboy could certainly follow in his footsteps. But the fishing profession has grown tough since the big fishing trawlers offshore overfished the waters and minimized the catches of local fishermen. More and more often they return without tuna. Once one of the fishermen shows his catch of the day: two tiny fish.

Reyboy loves to swim and dive and he is interested in nature and marine life. Even if he has no idea about the size and diversity of the world, even if he cannot even imagine that there are people on this earth who do not even know Karihatag, he still has dreams: “Can birds reach the clouds? Oh they can? I want that. To be able to play over there. That’s what I want. To be a bird. ”And because his parents realize that the only way for Reyboy to escape the hard, fruitless, poor and dangerous work of a fisherman in Karihatag is to go to the distant city. They decided to send him to high school. Reyboy knows, however, that he will then live a long way away from his parents, and he knows that when it comes up he can see his parents once a month.

The filmmaker accompanies Reyboy on his last days in the village, on the last days of his childhood, in his favorite place, the sea. And she already tells him a little bit about the big world that he will soon encounter, and she learns about his dreams, his thoughts, his wishes at this possibly significant turning point in his life. This creates a poetic dialogue from two different perspectives, that of the 10-year-old village boy on the one hand and that of the adult filmmaker on the other.

„This genuine curiosity in wanting to know a person who is different from you is very important. Because I feel this is the only way we can learn to care for one another, when we really open ourselves for them,” explains the director. I think instilling that curiosity into children is one of the most valuable things that parents can do for their children. And that can be just as successful in a family in a poor village on Mindanao as it is in a family like ours in Berlin-Neukölln or anywhere in the world. And maybe Venice Atienza’s film opened our son’s eyes a little bit to how children live in completely different regions of the world, and that completely different things are important for the ten-year-old Reyboy from Karihatag than for the six-year-old Julius from Berlin-Neukölln – and that they may still both be children with somehow similar dreams and needs.

The Filipino documentary filmmaker Venice Atienza was born in 1989. She lives partly in Manila and partly in Mumbai. In her work she is particularly interested in the question of how everyday actions can bring about changes in life. She is an alumna of the European DocNomads program and founded the production company Svemirko Film Productions together with the Taiwanese director and producer Fan Wu, which aims to offer a platform for documentary auteur films. Last Days at Sea is her feature film debut.

LAST DAYS AT SEA

by Venice Atienza
with John Russel Rey „Reyboy“ Paño, Cresente „Buboy“ Betonio, Cleofe „Neneng“ Betonio, Florecita „Babe“ Paño, Emibie Paño
Philippines / Taiwan 2021
Tagalog, Cebuano, subtitles: English
71 minutes